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Milan Děžinský

Tajný život – Geheimes Leben

Brno 2012, Host, Edition ReX, Bd. 15 (Výběr – Auswahl)

 

Stell dir vor...

alles hält an.

Im Geäder der Pflanzen klebt verwunderte Stille.

Dein Arm sucht das Licht am Ende des Ärmels,

wo Zukunft sicher ist,

Angst definitiv

aber Fortsetzung folgt nicht,

die Zeit erobert sich ihre bedächtige Steife,

drohend hinter der Ecke hervor ragt eine halbe Katze,

mein Satz an dich stockt inmitten der Nachricht,

aber er stürzt nicht vom Anprall wie ein verzweifelter Körper,

dein Blick zu mir ist wie ein viel zu zögerlich

hinabgeschobener Strumpf, aber Fortsetzung wird nicht folgen,

Fortsetzung folgt nicht...

 

Verbrennen von Geäst

Nach dem Winter verbrennen die Verwandten Geäst.

Gleichgültig saugen Kinder aus Taubnesselblüten.

Den Maitag durchsetzende Süße.

Das Schilf brennt. Ein Amseljunges flattert

mit Schrei einher vor dem Hund.

Kerf überm Feuer schmilzt.

Die Eidechse ein gekrümmter, rostiger Draht.

Überm Feuer die Birke weht und staubt

wie ein Besen.

Der Igel flüchtet, auf dem Rücken Schorf aus gebackenen

Stacheln. Wir schauen ins Feuer,

als wären wir neuerlich Zeugen

einer Erschaffung der Welt.

 

Inmitten von Schutt

Hinterste Winkel werden Plätze der Metropole.

Jegliches Leben wird entdeckt sein und jeglicher Tod erklärt.

Hügel und Wälder werden in dunkler Nacht abgebaut

und in Kisten geschlichtet und kurz vor Morgengrauen wieder zusammengesetzt

und an den Straßen entlang verteilt.

Ruhe vor dem Sturm wandelt sich zum Sturm vor unendlicher Ruhe,

aus ihr schiebst du durch einen Spalt die Dinge hinüber auf jene andere Seite,

wo du gelebt hast.

 

Geheimes Leben

Der Gedanke, dass es doch ein geheimes Leben gibt,

ist schrecklich. Schatten würden sich kleiden für die Nacht

und aufbrechen in den Regen. Die Schläfer leben den Traum,

sie aber stehlen sich an die Lampen hinaus unter den Jacken nackt.

Vielleicht ist es Teil des Plans –

all die Täuschungsmanöver, Pflichten, Betäubung und Sex,

denn geheimes Leben spielt auch in stechendem Licht.

Die Indizien sind nicht verlässlich: ein abgekauter Nagel,

eine seltsam verfärbte Schuppe der Haut, das Gedichtfragment an der Mauer.

Ein nichtsichtbares Äderchen, das seinen Weg durch den Muskel beißt.

Sehr helles Seitenlicht gegen gedämpfte Musik prallend erinnert

an Wasserspülung.

Vergessenes oder Vertauschtes. Die Armbanduhr im Kühlschrank zwischen den Eiern.

Oder aber –

das geheime Leben ist der sichtbare Teil – die Besitzverhältnisse,

das Aufstehen zur Arbeit, elterliches Bemühen, unvermeidliche Teilhaben,

entkräftender Wochenendspaß.

 

Dinge

Aus der Nähe schauen

auf weiche Dinge, wirr im Gezweig,

wie sie kindisch sich klammern,

ohne Erklärung,

Dinge von verborgener Herkunft und nächtlicher Fruchtbarkeit,

zu hoch für sinkende Wasserspiegel,

zu unbedeutend für einen Eingriff Gottes –

 

anderswo, auf der Autobahn, das rote, zerfetzte Hemd,

der Wind zupft es, die Nähte entblößt das Wasser,

noch sprühen Härchen heraus,

als hätte sich einer den Kragen keck aufgeknöpft,

angespült am Alltagsrand,

Autos bremsen, beschleunigen,

wenn sie ausweichen

oder das Kind hinten

wissen will, wie das Tier heißt.

 

Wenn die Dämmerung anhält,

öffnen sie die Schachtel mit den Pralinen.

Angegraute Pralinen.

Schwere Vorhänge streuen Muff.

Den Vormittag über rücken sie Stühle.

Der Boden knarzt in die Dialoge der Serie.

Sehnsucht gewandelt zu Abendessen.

Freude der Belohnungskränzchen.

Vom Urzeithang der Couch gleitet ein Überwurf.

Durchs Zimmerdunkel hellt Glockenhieb.

Sie raffen sich auf zum Fenster.

Eine Hand, die Stor zurückschiebt. Das Piercing der Stange schürft.

Grau und blau umspült ein Jackenstrom

Regenschirme.

Zwei Augen greifen sich

grüne, rosa und orange Pelerinen

wie Karamellbonbons.

Heut keine Post.

 

Tuaregs

Nach einem Erlebnis von Z. Štolovský

 

Menschen am Ende der Straße,

plötzlich tauchen sie hoch.

 

Doch zwei Tuaregs, die sich begegnen,

leben auf, grüßen einander aus großer Entfernung.

Angesicht in Angesicht reiben sie Hand an Hand,

fragen nach der Familie, den Schafen, Kamelen,

lassen nichts aus.

 

Eine weite, umgreifende Geste.

 

Nehmen sie Abschied, wünschen sie glückliche Reise,

und sich einander entfernend,

erzählen sie noch,

als bliebe am Grund ein Rest Tee.

 

Langsam werden sie kleiner,

erzittern am Horizont, verklingen,

als verschütte wer einen Brunn.

 

Übersetzt von Kristina Kallert

patneri