hlavicka
Facebook" de cz

Gerhard Falkner

Gedichte (AUSWAHL) 

 STADTPLAN 

(eine Stadt, geteilt in spra und che) 

 

die stadt ist ein buch 

wir schlagen die erste straße auf 

wir lesen die erste straße 

wir lesen sie mit den füßen 

dabei gehen wir sie 

mit der zeit verstehen wir auch 

daß der satzbau der straße 

wichtiger ist als das verstehen 

der einzelnen häuser und sobald 

wir sehen: häuser sind wörter 

und straßen sind sätze und 

städte sind bücher und länder 

sind bibliotheken stoßen wir 

auf die frage: was ist der mensch? 

 

sind menschen leser oder sind menschen 

geher oder sind menschen zuhörer 

der häuser oder sind menschen autoren 

der straßen oder sind menschen 

einwohner der städte oder sind 

menschen erbauer der bibliotheken 

oder sind wörter schritte in sätzen 

durch kasernen von büchern oder sätze 

fetzen von häusern an straßen durch 

städte voller menschen 

 

und gibt es fenster in den zeilen 

auf die häuser oder löcher in den 

sätzen auf die wörter oder augen 

in den menschen für die blicke 

durch die löcher in den sätzen 

auf die fenster in den häusern 

an den straßen durch die städte 

 

und stehen die wörter durch die 

straßen auf eigenen beinen oder 

gehen die häuser in den sätzen 

andere wege oder haben die blicke 

auf die keime der bezirke ernstere 

sorgen oder zeigen die laute 

auf den lippen der gebäude spuren 

der sprachen von steinen aus anderen 

städten 

 

und gibt es menschen in den wörtern 

auf der straße oder blumen in den 

festern der gebäude oder autos auf den zeilen der gedichte oder ämter 

in den augen für die häuser auf der straße 

oder silben in den steinen die nicht schreien 

oder lichter in den giebeln der geschicke 

gibt es dächer auf den zeilen dieser häuser 

an der straße einer sprache ohne laute 

 

gibt es leser für die ampeln an der kreuzung oder 

sprecher für die fenster in der s-bahn oder ärzte 

für die bücher wenn sie krank sind oder richter 

für die häuser wenn sie schuld sind oder kinder 

in den kellern wenn es krieg gibt gibt es kähne 

für die lasten oder krähne für die kosten 

oder pläne für die fragen nach den sprachen 

in den häusern aus dem osten 

gibt es männer für die frauen 

oder menschen,- gibt es menschen? 

 

 ALDI BUMM BALDI 

Es gibt hier nichts 

was an dich erinnert 

Der Knoten 

in der blauen Krawatte des Kellners 

hat nichts zu bedeuten 

Es gibt hier auch niemanden sonst 

der sich an irgendetwas erinnert 

aber das steht auf einem anderen Blatt 

Schon letzten Sommer 

saß ich hier 

und nichts erinnerte an Dich 

(nur ein von der Sonne 

verzinktes Eukalyptusblatt) 

Man hätte meinen können 

Fluchthelfer hätten die Erinnerungen 

in die vielen leeren Zigarettenschachteln verfrachtet 

die ein prinzipienloser Wind 

auf dem Asphalt hin und her schob 

wie Schachfiguren 

Jeden Sommer werde ich von nun an 

hier sitzen 

ohne dass es irgendetwas gibt 

was an dich erinnert 

höchstens vielleicht 

die paar Skateboarder 

am Ende der Straße 

die abends, wenn ihre Boards 

über die Betonrampen des Einkaufscenters krachen 

immer summen: Aber 

Aldi Bumm Baldi 

Bumm Bumm 

aber 

Aldi Bumm Baldi 

Bumm Bumm 

 

Bibliothek 

ich besitze von Dir 

zehn Bände Deiner Stimme 

die Jubiläumsausgabe Deines Körpers 

die so genannte Leipziger Ausgabe von 1998 

ein paar herrliche Einbände 

deiner Haut 

mit Stachelarmband um die schmalen Buchgelenke 

darüber hinaus zahlreiche bedeutende Blicke 

und ein persönliches Drama 

mit einer Spieldauer von bereits vier Jahren 

außerdem besitze ich 

Kommentare, Kritik und Hermeneutik 

zu Gelächter. Tränen und Exzessen 

en masse 

schließlich noch die paar Gedichte 

die, nachdem sie in meinem Herzen explodierten 

herabregneten auf unser kleines, unsolides Zuhause 

wie die Asche Gomorrhas 

um schließlich 

nach Jahren der Agonie 

im Staubsaugerbeutel zu enden 

 

Ignatia 2 

Und immer wieder sind es Reiherschnäbel 

gespenstisch gewetzt 

an den Glatzen der alten Eiszeiten 

immer wieder linguistische Funde 

Knochen versteinerte Silben und Buchenstäbchen 

angekokelt vom Angstlachen 

verschollener Frühmenschen 

ein Rudel Hirsche, Gazellen oder Springböcke 

das hinaustobt bis in die Fingerspitzen 

der Höhlenbemaler 

Stiere und Zeichen, datiert 

von den Zerfallsgeschwindigkeiten 

der Holzkohle, glühende Isotope 

den Sternen verborgen 

dass nur die Steine 

sie wie Narben zeigen 

 

Immer wieder sind wir die Sache 

auf die wir hereinfallen 

das alte Subjekt, die Nummer mit dem 

Einen, Unverwechselbaren. Immer 

haben wir die falschen Papiere 

Das Bedeutende verfehlt seine Bedeutung 

Das Zeichen verfehlt das Bezeichnete 

Hinter den stummen Worten 

leuchten die stillen Weiten / 

Doch wie auf Schlitten gezogen 

durch ewiges Eis 

dieses langsame Wachsen der Stammbäume 

an deren letzten Verästelungen 

die eigenen Zeiträume sprießen. 

Unser glücklichster Sommer wird 

wenn das so weitergeht 

auf Stelzen an uns vorbeitanzen 

wie eine verstaubte Zirkusnummer 

 

Ignatia 9 

Engel sind heikel. 

Schwarzfahrer sind sie der himmlischen Umzüge, der kleinen Kabinen 

verwirbelter Luft, die segeln im Aufwind der Sprache 

Engel aus Aramith. Segelnde rote Kugeln 

Ihre feuerfesten Flügel sind, wenn sie rauschen, geflüsterter Jubel 

Engel sind reine Innerheit. Entsetzlich zart. 

Entsetzlich. 

Zart wie die Gelüste einer Frau, zusammengehalten von einer Heftklammer 

Wie ein junger Mann, gestaltet wie ein Seufzer 

der einen Strand entlangweht, dessen Weite ihn auslöscht 

Wie der Fühler des Zitronenfalters (vor der geöffneten Klappe der Mikrowelle). 

Die Namen der Engel sind Farben 

Farben aus den Fabriken einstigen glühenden Glaubens 

Komponentensignale! 

Flügel und Bewegung des Flügels werden getrennt übertragen 

Eine Billiarde Bilder täglich 

Welche Farbe hat welche Farbe hat welche Farbe? 

Rot oder rot? Mark Zuckerberg entscheidet! 

Die Engel liegen als Punks mit gepiercten Augen 

vor den Portalen von Facebook 

Ihre Hunde erschallen. 

Ist hier das Jetzt jetzt denn endlich einen Moment lang ewig? 

 

Ignatia 20 

Kein David Lynch und keine Leukozyten 

die sich als Wächter den Erregern 

dieser alptraumwachen Welt entgegenstellen 

Überklares Licht, die Fernen souverän sortiert 

die Himmel überrollt vom hellen Schwarm 

der Elementarteilchen, alles wildert so 

im Ungewissen, es grüßen die grünen Wiesen 

das heuristische Wunder, den Zuckerwatteglanz 

der Zeichengebung 

nur Klang und Kontingenz, die es noch in sich haben 

wie Vögel werfen sie sich ins Gefieder 

und feiern im Gebüsch die whistleblower 

 

Ihr, die ihr geliebt habt 

die ihr den Traum des Unwahrscheinlichen geträumt habt 

den die Grausamkeit Hoffnung nennt 

entartet euch, entrückt die Sprache – 

grau wie Hundeasche – ins Unenthüllte 

seit 1961 wird gejoggt! Der Mais blüht schneller 

der Blick auf die Pulsuhr pusht sogar die Aktienkurse 

mit anderen Worten, alles drängt 

Die Grammatiken veralten 

 

schwach ist die Macht 

des Menschen 

sagt Simonides 

nichts vermag er gegen 

die Sorge. Und so ist es 

 

es schenkte uns Hypnos 

den Schlaf mit offenen Augen 

um ohne zu erblinden auf die Displays 

einer allmächtigen Leere zu starren 

PLÁN MĚSTA

(město rozdělené na ja a zyk)

 

město je kniha

otevřeme první ulici

přečteme první ulici

čteme ji nohama

přitom po ní jdeme

časem také porozumíme

že větná stavba ulice

je důležitější než porozumět

jednotlivým domům a jakmile

uvidíme že domy jsou slova

a ulice jsou věty a

města jsou knihy a země

jsou knihovny narazíme

na otázku: co je člověk?

 

jsou lidé čtenáři nebo jsou lidé

chodci nebo jsou lidé posluchači

domů nebo jsou lidé autory

ulic nebo jsou lidé

obyvateli měst nebo jsou

lidé staviteli knihoven

nebo jsou slova kroky ve větách

napříč kasárnami knih či věty

útržkovitými světy u silnic napříč

městy plnými lidí

 

a okna v řádcích jsou tu

na domy či díry ve

větách jsou na slova či oči

v lidech pro pohledy

skrze díry v těchle větách

na okna všech domů

u silnice napříč městy

 

a stojí slova napříč

ulicemi na vlastních nohou nebo

jdou domy ve větách

jinými cestami nebo mají pohledy

na zárodky čtvrtí vážnější

starosti nebo ukazují hlásky

na rtech budov stopy

jazyků kamenů z jiných

měst

 

a jsou v slovech

na ulici lidé nebo

v oknech budov květiny či

v řádcích básní auta nebo

v očích pro domy tam na ulici úřady

či v kamenech jež nekřičí jsou slabiky

či v štítech osudů jsou světla

a jsou střechy nad řádky těch domů

u silnice jazyka co nemá hlásky

 

mají semafory na křižovatce své čtenáře či

okna u tramvaje svoje mluvčí nebo

knihy když jsou choré lékaře či

domy když se zadlužily soudce nebo

děti když je válka jsou včas v krytech

a jsou náklaďáky pro náklady nebo hrady pro úhrady

investic a kolik propozic je pro jazyky v bytech

domů na východě

a jsou muži pro ženy či

lidé – a jsou lidé?

 

ALBI BUM HALDY

Není tu nic

co by na tebe upomínalo

Uzel

na modré vázance číšníka

ten mě nevytrhne

Není tu ani nikdo jiný

kdo by se na něco upamatoval

ale to stojí na jiném listu

Už minulé léto

jsem tu seděl

a nic na tebe neupomínalo

(až na jeden list eukalyptu

pozinkovaný sluncem)

Člověk by si pomyslel

že pomahači k útěku přepravují

vzpomínky v té spoustě prázdných krabiček od cigaret

které bezzásadový vítr

přesouvá po asfaltu sem tam

jako šachové figurky

Každé léto tu odteď

budu sedět

a nebude tu nic

co by na tebe upomínalo

možná nanejvýš

těch pár skateboardistů

na konci ulice

kteří navečer, když jim skateboardy

rachotí po rampách u Alberta

pokaždé povykují: ále

Albi bum haldy

bum bum

ále

Albi bum haldy

bum bum

 

Knihovna

v mém majetku zůstalo po tobě

deset svazků tvého hlasu

výroční vydání tvého těla

takzvané lipské vydání z roku 1998

několik nádherných vazeb

tvé kůže

s ostnatým náramkem na křehkých kloubech knižních desek

nadto nespočet významuplných pohledů

a jedno osobní drama

o délce trvání už plných čtyř let

krom toho mám v majetku

komentáře, kritiku a hermeneutiku

k smíchu, slzám a výstřelkům

en masse

nakonec ještě pár básniček

ty když mi vybuchly v srdci

sprchly na náš malý, nepevný domov

jako popel Gomorrhy

aby konečně

po letech agonie

skončily v sáčku vysavače

 

překlad VěK

patneri